hotelarchiv
26.08.2009
Stampa (GR) Hotel Kurhaus Maloja
(© hotelarchiv)

 

Zu Beginn der 1880er-Jahre erfüllte sich der belgische Adelige Graf Camille de Renesse (1836-1904) einen grossen Traum. In seinem neuen «Hôtel-Kursaal de la Maloja» sollte ein «Monte Carlo der Alpen» entstehen und die gesamte damals bestehende Hotellerie in der Schweiz in den Schatten stellen. Am 24. Mai 1882 begann der Bau unter der Leitung des Churer Architekten und Unternehmers Alexander Kuoni nach Plänen des Brüsseler Architekten Jules Rau, dem damaligen Präsidenten des belgischen Architektenvereins. Für die luxuriöse Hotelanlage war dem Grafen nichts zu teuer. Das Kristall kam aus Belgien, das Tafelsilber aus Pforzheim in Deutschland, die Billardtische aus Paris, die Badewannen von der Firma Jennings in London und die sechs Pianos aus Zürich. Bis zur Eröffnung am 1. Juli 1884 hatte die belgische Gesellschaft knapp 7 Mio. Goldfranken, mehr als 6% des damals in der Schweiz vorhandenen Bargeldes oder mehr als 100 Mio. Franken heutiger Kaufkraft, in den Bau dieser Anlage investiert.

 

Bei seiner Eröffnung war das Hotel Kursaal Maloja mit seinen 200 Metern Fassadenlänge im Stil der Neorenaissance nach dem Polytechnikum in Zürich das zweitgrösste Gebäude der Schweiz. Es konnte die damaligen Erwartungen der vornehmen Kundschaft wirklich erfüllen. Im grossen Festsaal mit Theaterbühne und Empore konnte man Stars aus der Metropolitan Opera von New York oder der Comédie Française von Paris bewundern und in der Blütezeit des Hotels fanden zweimal täglich Konzerte mit Musikern aus der Mailänder Scala statt. Die Gästebücher der ersten Jahre enthalten zahlreiche Adelige und solche, die sich gerne in deren Schatten aufhielten.

 

Das grosse finanzielle Abenteuer des belgischen Grafen führte aber nicht zu Reichtum und Ansehen des Initianten, sondern zum finanziellen Ruin des Unternehmens. Die Gründe für das finanzielle Desaster, das kurz nach der Eröffnung bereits begann, sind vielfältig: die gewagte Finanzstruktur und eine viel zu optimistische Betriebsprognose führten das Unternehmen innert kurzer Zeit auf einen unsicheren Weg. Dazu kamen die Grenzsperre wegen einer Choleraepidemie kurz nach der Eröffnung sowie das in der Bundesverfassung seit 1874 festgelegte Verbot von Spielbanken, von dem der umtriebige Graf keine Ausnahme erwirken konnte. Am 2. März 1887 kam das Unternehmen von Graf de Renesse mit der konkursamtlichen Versteigerung in den Besitz der «Compagnie Franco-Suisse des Hôtels» mit Sitz in Paris. Seit 1898 nannte sich das Hotel «Maloja Palace».

 

Bis zum Ersten Weltkrieg konnte sich der Hotelbetrieb dank der Zusammenarbeit mit dem Luxushotel Gallia in Cannes relativ gut über Wasser halten, zwischen 1889 und 1912 wurden aber keine Wintersaisons mehr durchgeführt. Nach dem Ersten Weltkrieg blieb das Haus geschlossen. Erst 1925 wagte die neu gegründete «Maloja-Palace AG» unter der Besitzerschaft einer Gruppe um Sir Henry Lunn, dem bekannten britischen Skipionier, einen neuen Anlauf: Doch auch dieser war erfolglos: 1929 übernahm eine einheimische Auffanggesellschaft den Hotelkomplex. Bereits 1934 gingen die Lichter in Maloja aber endgültig aus und das Gebäude fiel an die Bündner Kantonalbank. Im Zweiten Weltkrieg zog unter militärischer Führung vorübergehend wieder Leben in das Gebäude ein. Nach einer erneuten Schliessung weckte die belgische «Alliance Nationale des Mutualités Chrétiennes» den ganzen Gebäudekomplex 1962 aus dem «Dornröschenschlaf». Bis 2007 verbrachten jährlich zahlreiche belgische Jugendliche ihr Ferienlager in diesem einstigen Luxushotel. Seit 2009 ist das Haus unter neuer privater Eigentümerschaft als Hotel partiell wieder eröffnet.

 

Weitere Literatur zu den Hotels im Oberengadin:
Flückiger-Seiler Roland. Hotelpaläste zwischen Traum und Wirklichkeit. Schweizer Tourismus und Hotelbau 1830-1920. Baden 2003. Seiten 172-188.

Rucki Isabelle. Das Hotel in den Alpen - Die Geschichte der Oberengadiner Hotelarchitektur von 1860 bis 1914. Zürich 1989.

 

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