Acht Jahre lang ist nichts passiert. Die Grenze zwischen der Schweiz und Deutschland habe ich in dieser Zeit hunderte Male überquert, im Zug oder mit dem Auto. Nicht ein einziges Mal habe ich dabei einen Ausweis zeigen müssen. Nicht einmal wurde ich gefragt, ob ich Waren mitführe. Bargeld, Käse, Computer, Haschisch? Die Grenzhäuschen bremsen zwar den Verkehr –man darf da weiterhin nur zehn Stundenkilometer schnell fahren – aber die Grenzer winken freundlich jeweils in die Richtung des Einreiselandes. An der Füllmenge meines Autos kann es nicht liegen. Schliesslich habe ich bei meinem Umzug nach Deutschland ganze Wagenladungen Krimskrams mitgeführt.
Natürlich kontrollieren auch in den Zügen die mobilen Grenzer regelmässig den kleinen und grossen Grenzverkehr. Gerne mit Schäferhund ohne Leine, aber immer ohne mich zu beachten. Auch am Outfit kann es nicht liegen. Ich bin auch schon in Jeans mit modischen Löchern, T-Shirt und Riesenhandtasche gereist, ab und zu mit Koffer, Einkaufstüte oder Rucksack. Unsere kleine Tochter hat als vier Wochen altes Baby eine Identitätskarte bekommen, damit sie dies- wie jenseits der Grenze von der Verwandtschaft bewundert werden konnte. Nicht ein einziges Mal musste ich diesen Ausweis zeigen.
Es ist ja beileibe nicht so, dass gar keine Passagiere beachtet werden. Denn: sicher ist sicher. «Passport!» tönt es dann unüberhörbar vor oder hinter mir im Zug. «You trävel?» «Holidäi? Bisnäss?» «Your löggitsch?» Die Antworten sind nicht zu verstehen, die Angesprochenen reden eher leise. «Oh, e Tüütsche!» oder: «En Ami!» Genauso laut wie die Fragen. Ein verstohlener Blick um die Ecke bestätigt jeweils meine bis dahin gemachten Erfahrungen: Der oder die Reisende ist dunkler Hautfarbe, gelegentlich asiatischen, meist aber afrikanischen Aussehens. Klar, sollte es sich dann tatsächlich um einen Touristen aus einem exotischen Land handeln, tönt es dann von Kollege zu Kollege: «Gang lüüt ah, dä müemer genau aaluege!»
Unbehelligt reisen ist trotz Schengen scheinbar eine Frage der Farbe.
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