Josias Clavadetscher ist kein Hotelier. Seine Passion, das ist das Schreiben, das ist die Lokalgeschichte, das sind Kultur und Brauchtum. Seit über 40 Jahren ist er Journalist, seit 15 Jahren Chefredaktor vom Bote der Urschweiz. Er weiss eine Menge über Hotels und Tourismus in Brunnen zu berichten. Clavadetschers Frau stammt aus einer Hotelierfamilie und führt in Brunnen ein Hotel. Sein Vater arbeitete 42 Jahre lang als Koch und Küchenchef im Hotel Waldstätterhof.
Talsohle überwunden
Von 1850 bis 1910 wurden in Brunnen die meisten Hotels gebaut. «Das war Wahnsinn, zu Spitzenzeiten hatte das Dorf mit 3000 Einwohner 2500 Hotelbetten zur Verfügung», weiss Clavadetscher. Der Tourismus habe sich dann gewandelt, man habe vermehrt auf eine vornehmere Kundschaft gesetzt. Heute zählt die Gemeinde noch 700 Hotelbetten. Kaum verändert hat sich die Anzahl Zimmer im Hotel Waldstätterhof, das 1870 von Fridolin Fassbind eröffnet wurde.
«Das Haus ist die erste Adresse in Brunnen», so Clavadetscher. Aber auch dieses Hotel habe eine Krise durchgemacht. Die Familie Fassbind wurde immer grösser, die Führung des Hotels immer komplizierter. In den 70er Jahren kaufte das betriebswirtschaftliche Institut der ETH Zürich das Hotel und machte es zu einem Bildungszentrum. Das Haus wurde erneuert, die Hotellerie weitergeführt. Schliesslich kaufte und sanierte der Vater von Aloys von Reding, dem heutigen Direktor, den Waldstätterhof. «Das Hotel hatte seine Talshole überwunden», meint Clavadetscher.
Tourismus ist nicht alles
Der regelrechte Tourismusboom, welcher Brunnen ab Mitte des 19. Jahrhunderts erlebte, ist auf die verbesserte Verkehrseinbindung zurückzuführen. Das erste Dampfschiff, die neue Axenstrasse und die neue Gotthardbahn lockten immer mehr Touristen in die Region. Als 1837 das erste Dampfschiff in den Hafen einfuhr, hätten die Einheimischen überhaupt keine Freude gehabt, weiss Josias Clavadetscher. «Sie haben mit Steinen geworfen, um die Besatzung am Aussteigen zu hindern.» Heute präsentiere sich wieder eine ähnliche Situation. Gegen den geplanten neuen Axentunnel, für welchen der Bund im Zuge der Neat eine Milliarde gesprochen hat, habe sich Widerstand geregt.
Wenn die Bevölkerung von Brunnen aber nicht gerade direkt betroffen sei, würden sie sich wenig aus Politik machen, so Clavadetscher. Und auch wenn der Tourismus in der Geschichte der Gemeinde fest verankert sei, habe sich Brunnen nie nur als Tourismusort gesehen, hält der Journalist fest: «Im Sommer zeigt sich Brunnen weltoffen, im Winter gehört die Gemeinde den Einheimischen.» Etwa 120 Vereine gebe es im 8000-Seelen-Ort. Gegenüber der übrigen Innerschweiz, die sehr politisch und vornehm daher komme, gehe es in Brunnen anders zur Sache: «Wir sagen immer, in Schwyz feiern sie, in Brunnen festen wir.»
Brunnen festet
Um zum Fest zu kommen, lässt sich Brunnen immer neue Sachen einfallen: Ob «Brunnen tanzt» oder «Brunnen musiziert», solche Anlässe seien sehr beliebt im Dorf, so Clavadetscher. Der absolute Hit sei aber «Brunnen kocht»: Alle zwei Jahre stellt die Gemeinde auf dem Dorfplatz bis zu 35 Stände auf, an welchen Amateure ihre Speisen anbieten. «Das ist eine riesen Schlemmerei», schmunzelt Clavadetscher. 5000 bis 6000 Leute ziehe das Fest jeweils an, und es kämen immer mehr Gäste auch von auswärts.
Der Teufel los in Brunnen sei während der närrischen Zeit, erzählt Clavadetscher weiter. Der Fasnachts-Verein feiert im nächsten Jahr den 111. Geburtstag. 111 Vereine als 11 europäischen Ländern, werden an der Feier teilnehmen. Die Brunner festen ihre Feiern, wie sie fallen: Als 2005 der See um zwei Meter gestiegen war, und der ganze Dorfplatz drei Tage lang unter Wasser stand - was gabs in Brunnen? «Ein Dorffest», so Clavadetscher.
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