hotelarchiv
30.06.2011
Hotel Post-Veraguth, St. Moritz (GR)
(© Hotelarchiv Schweiz/zvg)

Auf diesem Stich sind Schweizer Traditionen auf mehreren Ebenen präsent: Das typisch bemalte Engadiner Haus wird als bürgerliches Haus bezeichnet. Architektonisch gut ersichtlich ist, dass der Erstbau mindestens zweimal erweitert worden ist. Dass die Post ihren Sitz in diesem Haus hat, ist kein Zufall. Postbüros waren von Anfang an mit den Gasthöfen eng verbunden, umso mehr, wenn der Gasthof auf dem Postkutschen-Netz lag. Die Stallungen auf dem Stich weisen in diesem konkreten Fall auf den Postkutschenverkehr hin. An der grossen Holztür scheint ein Hafersack zu hängen, Futter für die Postpferde.

Die Gäste der Pension essen, wie es in einem Gasthof üblich ist, alle zusammen an einem Tisch, oder sie werden im Restaurant à la carte bedient. Bemerkenswert ist die moderne Infrastruktur: Telegraphen Büro, elektrische Beleuchtung und Telefon – und alles in der Nähe der Tramstation. Und damit allen Betrachtern dieses Stiches klar ist, dass die Pension Veraguth wirklich zentral liegt, hält die Postkutsche genau vor dem Haus. Es handelt sich um eine echte Schweizer Diligence genannt Berline, auf dem Bild mit Coupé, die neun bis fünfzehn Reisende samt Gepäck transportieren kann.

Reisen in der Kutsche war damals ein Abenteuer. Im Regen, im Schneesturm und in der Hitze des Sommers galt es, so schnell wie möglich von einem Ort zum anderen zu eilen, um die Post zu transportieren. Das Bild des Malers Oskar Kohler zeigt uns eindrücklich, wie ein Pferdefuhrwerk in einer Staubwolke die Gotthardstrasse herunter rast. Der Reisende musste sich der Fahrt anpassen, manchmal aussteigen und neben dem Wagen einige Meter zu Fuss gehen. Im Coupé unter offenem Himmel wurde er hin- und hergeworfen und war froh, wenn in unmittelbarer Nähe der Haltestelle ein gut bürgerlicher Gasthof auf ihn wartete. Dort konnte er sich von Staub und Schweiss befreien und sich in ein weiches Bett legen, um seinen wunden Hintern zu heilen. In Amsteg auf der Gotthardstrasse liegt das Hotel Stern und Post, wo sogar noch der Apothekerkasten des Postillon für die Pferde sichtbar ist!

  
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