hotelarchiv
20.01.2010
Hotel Kurhaus, Bergün (GR)
Foto der Eisbahn vor dem Kurhaus Bergün
Foto der Eisbahn vor dem Kurhaus Bergün (© zvg/Kurhaus Bergün)
Hotelarchiv Schweiz

Die Eröffnung der Albula-Bahnlinie im Jahre 1903 löste in Bergün einen grossen Entwicklungsschub aus. Sogleich machte sich ein Initiativkomitee an die Planung eines neuen Hotels und beauftragte den Zürcher Architekten Jost-Franz Huwyler-Boller, der gleichzeitig auch das Hotel Cresta Palace in Celerina erbaute, mit dem Entwurf.

Das im Frühjahr 1906 eröffnete Haus bot einen für damalige Verhältnisse beachtlichen Komfort an: «Zentralheizung, elektrisches Licht, Lift, Badezimmer, grosser Speisesaal, mehrere grosse Terrassen gegen Süden, elegantes Vestibül, Damensalon, geräumige Restaurantslokalitäten, Bar, Billard, Lese- und Schreibzimmer sowie Dunkelkammer» werden in der frühen Werbung aufgezählt. In 85 Zimmern waren insgesamt 120 Betten vorhanden. Besondere Aufmerksamkeit war den sanitären Anlagen geschenkt worden. Laut mündlicher Überlieferung wurden die Badewannen und die sogenannten Water Closets mit der Bahn direkt aus England nach Bergün geliefert. Auf dem Schienenweg kamen auch die britischen Monteure als Spezialisten nach Bergün, welche die ebenfalls per Bahnfracht angelieferten Bleiplatten und –rohre in britischen Weise «mit Frack und Zylinder» installierten, ohne sich dabei in ihr Handwerk blicken zu lassen. Im englischen Prospekt werden diese Toiletten denn auch besonders erwähnt: «W. C’s. on the newest system.»

Mit der Eisenbahn 1903 hatte die ehemalige Zwischenstation aus dem Zeitalter der Pferdekutschen aber ihre Bedeutung verloren: Die Züge fuhren nun direkt ins Engadin und erübrigten den früher obligatorischen Aufenthalt in Bergün. Das neu eröffnete Kurhaus hatte damit bereits von Anfang an um jeden Gast zu kämpfen. Aus dieser Erfahrung resultierte wohl auch die Idee zur Einführung des Wintersports. Seit Weihnachten 1911 war das Kurhaus deshalb für den Winterbetrieb «vollständig eingerichtet». Die Davoser Firma Oberrauch hatte als spezialisiertes Unternehmen eine Warmwasser-Zentralheizung installiert. Damit konnten einige wertvolle Zusatzeinnahmen erreicht werden.

Die nicht einfachen Kriegs- und Zwischenkriegsjahre hinterliessen beim fehlenden Gebäudeunterhalt aber manche Spuren. Dazu kam ein Dachstockbrand am 9. August 1949, nach dem das Dach nur notdürftig und ohne Turm repariert werden konnte. In der Folge übernahm die Gemeinde den Betrieb und verkaufte die Liegenschaft nach der Sanierung an den Verein Familienherbergen. Nach einem halben Jahrhundert in der Obhut dieser Organisation schien das Schicksal des ehemaligen Kurhauses besiegelt: Bröckelnde Fassadenteile und undichte Dächer zwangen auch diese Eigentümer zum Verkauf. Doch einige langjährige Stammgäste gründeten im Juni 2002 die neue Kurhaus Bergün AG, die das Gebäude samt Umschwung noch im gleichen Jahr erwarb. Sogleich wurden unter der Leitung von Architekt Heini Dalcher aus Sissach erste Instandstellungsarbeiten unternommen. Dabei hatte man grosses Glück: Unter den nachträglichen Wandverkleidungen fand man historische Ausstattungsteile, wie Täfer und Türen, im Estrich viele weitere fehlende Elemente. Damit konnten ganze Gebäudeteile weitgehend in den Originalzustand zurück versetzt werden. Die Wandtäfer und Fensterflügel im grossen Festsaal hatten ebenfalls alle Umbauten überstanden, dazu die meisten originalen Jugendstilleuchten. Mit viel Geschick wurden die fehlenden Teile ersetzt, die ursprünglichen Rattan-Möbel konnten in alter Handwerkstechnik in einem Familienbetrieb in Vietnam neu angefertigt werden. Soeben wurde die Umgebung nach dem ursprünglichen Plan wieder hergestellt.

Mit den im mehreren Bauetappen ausgeführten wird klar ersichtlich, dass das Gebäude in überschaubaren Schritten langsam aber konsequent im denkmalpflegerischen Sinn entstaubt wird. Dabei entsteht ein Hotel, das bezüglich originaler Substanz aus der Zeit des Jugendstils um 1900 sowohl beim Gebäude als auch bei seiner Ausstattung im schweizerischen rahmen wohl konkurrenzlos bleiben wird.

 

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Foto vom Kurhaus Bergün <nobr>   (© zvg/Kurhaus Bergün)</nobr>
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