Urs Wagenseil, wie schätzen Sie die touristische Entwicklung in den osteuropäischen Ländern ein?
Grundsätzlich haben diese Länder touristisches Potenzial. Das zu entwickeln, erfordert aber noch Zeit und Aufklärung. Früher wurden diese Länder ja zentralistisch geführt, deshalb läuft es diesen Menschen zuwider, eine ganze Branche zentral zu führen. Die touristische Entwicklung aber erfordert eine zentrale strategische Führung.
Wie unterstützen die Regierungen den Tourismus?
In erster Linie mit Finanzmitteln und mit personellem Projektsupport, damit Entwicklungsprojekte vor Ort realisiert werden können – meist in Zusammenarbeit mit Entwicklungsorganisationen. Im Alleingang würden es die Regierungen kaum schaffen.
Sie entwickeln für Ihr Institut touristische Destinations-Strategien für osteuropäische Regionen, hauptsächlich für die Länder des Balkans. Wie kommen Sie zu diesen Aufträgen?
Die ersten Aufträge kamen von der UNO-Organisation UNIDO und betrafen ursprünglich ein Konzept für touristische Schulung in Rumänien und Bulgarien. Inzwischen erarbeiten wir für verschiedene Organisationen touristische Strategien, die primär Destinationsmanagement bedeuten.
Welches Ostland ist touristisch am weitesten?
Von den Ostblockländern ist es Polen, weil es von der unmittelbaren Nähe Deutschlands und von dessen Wirtschaftskraft profitieren kann. Sie weilten persönlich in den verschiedenen Balkanländern. Mögen Sie deren Landschaften und Gastfreundschaft?
Trotz der Sprachbarriere spürt man dort die Gastfreundschaft und Lebensfreude. Auch wenn man sich nicht mit allen Menschen unterhalten kann. Die Landschaften sind abwechslungsreich, mit der Schweiz aber nicht vergleichbar. Sie bieten reizvolle Naturlandschaften und sind geschichtlich und kulturell interessant.
Könnte sich Osteuropa zu einer Konkurrenz für die Schweiz entwickeln?
Kurz- und mittelfristig kaum. Langfristig vielleicht im Sinne von neuen Märkten. Die arabischen Länder waren ja in den 70er- und 80er-Jahren auch noch kein Konkurrenzmarkt für die Schweiz. Inzwischen haben sich vor allem die Fernmärkte entwickelt. Irgend einmal können also auch die Balkan-Länder die Schweiz touristisch konkurrenzieren.
Osteuropäische Länder rüsten auf bezüglich Wintersportanlagen. Kein Problem für die Schweiz?
Diese Skigebiete sind auf einem ganz anderen Level als jene der klassischen Alpenländer. Sie sprechen einen lokalen Markt an. Kein guter Schweizer Skifahrer wird heute seine Winterferien statt in Graubünden in Bulgarien verbringen.
Wie sieht es aus bezüglich Wellnessangebote?
Die Bäderkultur in diesen Ländern ist traditionell stark. Diese Destinationen geniessen eine Glaubwürdigkeit bezüglich Medical Wellness und Wellness. Betreffend Infrastruktur jedoch können sie mit anderen europäischen Ländern noch nicht flächendeckend mithalten.
Wie beurteilen Sie den Standard in den Hotels generell?
In den Städten entwickelt sich – auch dank den Geschäftsreisenden – sehr viel. Der technische Standard in den Grossstädten ist teilweise sogar besser als bei uns, weil die Einrichtungen ganz neu sind. Generell sind dort – wie bei uns auch – Hotels aller Kategorien zu finden. Im ländlichen Gebiet sind kleine, familiengeführte und landestypische Hotels mit sehr viel Charme üblich.
Wie steht es mit der Ausbildung der jungen Hoteliers und Touristiker?
In der Hotellerie ist das steigende Know-how deutlich erkennbar. In der touristischen Ausbildung dagegen herrscht Entwicklungsbedarf. Tourismusorganisationen gibt es sozusagen keine, und auch bezüglich Transport braucht es noch Aufbesserungen.
Wo orten Sie allgemein den grössten Nachholbedarf?
Sicher in der Strukturfrage. Die touristische Branche muss sich noch zur Zusammenarbeit finden. Und es gilt, regionsspezifische touristische Strategien zu entwickeln, um die Richtung vorgeben zu können. Parallel dazu müsste die Entwicklung der touristischen Ausbildung forciert werden.
In der Region Thunersee sind in den letzten Jahren einige Hotels in die Hände von Asiaten gelangt. In anderen Ferienregionen der Schweiz ist das deutlich weniger ausgeprägt. 
Mitten in Interlaken verkauft Beat Hassenstein nach 40 Jahren Einsatz sein Hotel Splendid. Die chinesische Käuferin setzt auf ein Hotel mit Verkaufsflächen: für Uhren und für typische Schweizer Küchen-Ausrüstung. 
Ein südkoreanisches Paar hat zwei traditionelle Interlakner Hotels gekauft. Das 4-Sterne-Haus wollen die Investoren als führendes Hotel positionieren. 
Ausländische Investoren kaufen Hotels, oft als reine Geldanlage. Die Rentabilität ist zweitrangig. Das beobachtet Stephan JJ. Maeder, Präsident des Hotelier-Vereins Berner Oberland. 
Hinter den «Swiss Dreams Hotels» stehen indische Investoren mit einem Faible für ehemalige Traditionshäuser. Zwei ihrer fünf Hotels serbeln hinter geschlossenen Türen dahin. Die Besitzer lassen sich nicht in die Karten blicken. 
Der Interlakner Hotel-Berater Jürg Zumkehr hat schon mehrere Hotels an Ausländer verkauft, unter anderem an Asiaten. Aus seiner Sicht wirken sich die ausländischen Investoren positiv auf die Region aus. 
René und Elsbeth Bettoli wollen ihren Familienbetrieb verkaufen. Der Preisdruck ist für das Interlakner 2-Sterne-Hotel zu gross geworden. 
Rund um den Thunersee sind einzelne Hotels im Besitz von Asiaten. Ein Leerstand an bester Lage zählt dazu. Für Hotelier-Präsident Bruno Carizzoni überwiegen die positiven Beispiele und Effekte. 

Kettenhotels können ihre Effizienz steigern, indem sie einander Mitarbeiter ausleihen. Kleinbetriebe setzen derweil auf Allrounder. 






Strategieplanung, Verwaltung und Administration: Diese Bereiche böten in den meisten Hotels grosses Sparpotenzial. Es wird aber oft nicht wahrgenommen.